# Live-Editing über HTTP (Variante „Simpel") Status: **umgesetzt** — alle sechs Schritte der Umsetzungsreihenfolge stehen (Zeilen-Diff, zweistufige Historie, `PATCH /content`, Änderungsfeed, Master-Passwort, Client). Offen bleiben das Umbenennen per `PATCH /title` (und damit das Ereignis `RENAMED`), ein Eingabefeld für den Anzeigenamen und die Präsenz-Anzeige. Die offenen Punkte des ersten Entwurfs sind beantwortet; die Begründungen stehen in `docs/DECISIONS.md` unter D76 und werden hier nicht wiederholt, sondern nur verwiesen. Was beim Bauen zusätzlich zu entscheiden war, steht dort in Nachtrag 4. ## Ziel und Rahmenbedingungen - Mehrere Clients (Werkbaum-Web-App/PWA) arbeiten am selben Dokument: ca. **10 Beobachter**, davon **2–3 gelegentliche Editoren**, praktisch nie in derselben Sekunde. - **Nur HTTP**, kein WebSocket. Wenige, sparsame Requests (Lehre aus den aggressiven Rate-Limits der Etherpad-Integration, D31). - **Kein Neuladen des Dokuments** im Normalbetrieb: Clients erhalten Zeilen-Diffs und wenden sie lokal an, damit Cursor/Scrollposition erhalten bleiben. Ausnahmen sind benannt (Prüfsummenfehler, zu alter Stand). - Das Werkbaum-Format ist **zeilenorientiert**; Zeilen-IDs (`#id`) sind optional und identifizieren Knoten, nicht Zeilen. Das Protokoll arbeitet deshalb ausschließlich auf **physischen Zeilen** und braucht keine IDs. - Bei echtem Gleichzeitig-Konflikt: Update ablehnen, **der Client entscheidet** (rebase, neu laden, verwerfen). Das Dokument darf nie kaputtgehen. **Der Client erkennt den Konflikt zusätzlich selbst**, wenn eine fremde Änderung die Zeilen trifft, an denen gerade getippt wird — der Server kann das nicht sehen, er kennt den ungesendeten Text nicht (D76-Nachtrag 7). ### Zugriff und Identität - **Zugriff über die unerratbare Dokument-UUID**, wie ein Pad-Link: kein Login, kein Rechtemodell. Echte Authentifizierung kommt später als Schicht davor; das Protokoll bleibt davon unberührt. - **`GET /documents` verlangt ein Master-Passwort** (HTTP Basic, Benutzer `werkbaum`; Hash serverseitig in einer Umgebungsvariable, geprüft über Spring Security). Ohne diesen Schutz wäre jede UUID auflistbar und das Modell hinfällig. **Ohne konfigurierten Hash ist die Liste gesperrt**, nicht offen — ein vergessener Konfigurationsschritt darf nichts preisgeben. Die **Sperre nach Fehlversuchen** ist global statt je Adresse (Begründung: D76-Nachtrag 6). Die Übertragung setzt HTTPS voraus. - **Identität ist pseudonym**: Jeder Client führt eine zufällige `clientId` und einen selbstgewählten Anzeigenamen (Etherpad-Modell). Ohne Anmeldung ist der Name eine Behauptung und darf in der Oberfläche nicht wie ein Nachweis aussehen. Er trägt: Wiedererkennung beim Retry, „geändert von" in der Historie, die Reihenfolge bei gleichzeitigen Einfügungen und spätere Präsenz. ## Grundidee in einem Satz Jede Dokumentänderung ist ein **zeilenbasiertes Diff gegen eine Basisversion**; der Server wendet es an — notfalls auf eine neuere Version verschoben — und verteilt das Ergebnis über **Long Polling** an alle Beobachter. ## Datenmodell: das Zeilen-Diff Ein Diff ist eine Liste von Operationen relativ zur Basisversion. Zeilen werden über ihren **Index in der Basisversion** adressiert (0-basiert); Operationen sind nach Index aufsteigend sortiert und überlappen nicht. ```json { "baseVersion": 41, "checksum": "sha256:9f2b…", "clientId": "c-8a41…", "seq": 17, "ops": [ { "op": "replace", "index": 12, "count": 1, "lines": [" - [~] Backend (L) @ben"] }, { "op": "insert", "index": 20, "lines": [" + [?] Dark mode (S)"] }, { "op": "delete", "index": 25, "count": 2 } ] } ``` - `replace`: `count` Zeilen ab `index` werden durch `lines` ersetzt. - `insert`: `lines` werden **vor** `index` eingefügt (`index == Zeilenanzahl` = anhängen). - `delete`: `count` Zeilen ab `index` entfallen. Warum Indizes statt Inhalts-Hashes reichen: Der Server kennt die Basisversion vollständig. Version + Index ist damit eindeutig — auch bei identischen Zeilen (Leerzeilen!). **`checksum` ist Pflicht** (Hash des gesamten Basistexts). Die Versionsnummer bestätigt nur, dass die Basis dieselbe *Version* ist, nicht dass beide Seiten sie *gleich lesen*; ein Index-Versatz zerstörte Text sonst unbemerkt. Passt die Prüfsumme nicht, antwortet der Server mit **422**, und der Client lädt einmalig komplett neu. Siehe D76, Begründung im Geist von D59 („lieber der laute Fehler"). **`clientId` und `seq` machen den PATCH wiederholbar.** Geht die Antwort unterwegs verloren — im Mobilnetz der Normalfall —, weiß der Client nicht, ob seine Änderung ankam. Der Server merkt sich je Dokument die zuletzt verarbeitete `seq` pro `clientId` und beantwortet eine Wiederholung mit dem Ergebnis von damals, statt sie erneut anzuwenden. **Zeilenenden:** Der **Server** normalisiert beim Speichern autoritativ auf LF (SPEC §12); der Client normalisiert beim Laden ebenfalls. Nur so hashen beide Seiten denselben Text. Werkbaum-Besonderheiten sind mit dem Zeilenmodell automatisch abgedeckt: Fortsetzungszeilen (` \`), `"`-Beschreibungszeilen und der `---`-Beschreibungsteil sind schlicht physische Zeilen. Halbfertige Zwischenzustände rendert Werkbaum mit Warnung weiter — zeilenweise Updates sind hier risikoarm. **Faltmarken sind gewöhnliche Zeileninhalte.** Klappt jemand im Diagramm einen Teilbaum um, schreibt Werkbaum das als `>`/`<` in den Text zurück (D38-Nachtrag 2); unter Live-Editing wird daraus ein ganz normaler PATCH, den alle Beobachter sehen. Das ist bewusst so entschieden (D76): Der Text bleibt die eine Quelle der Wahrheit (D14). Auch der Falt-Durchschalter (D75) bekommt keine Sonderbehandlung, obwohl ein Druck den ganzen Baum umbaut. ## API-Erweiterung (OpenAPI-Spec) ### 1. `PATCH /documents/{id}/content` — Änderung einreichen Request: das Diff-Objekt oben. - **200 OK**: akzeptiert. Antwort: ```json { "version": 42, "opsSinceBase": [ … ] } ``` `opsSinceBase` ist leer, wenn die Basis noch aktuell war. War sie es nicht und ließen sich die Ops verschieben (siehe unten), stehen hier die fremden Ops, damit der Client seine Schattenkopie nachzieht. - **Der Server rebased selbst.** Ist `baseVersion` veraltet, überschneiden sich die eingereichten Ops aber **nicht** mit den zwischenzeitlichen, verschiebt der Server sie auf die aktuelle Version und akzeptiert. Grund: Reines Ablehnen führt zu **Starvation** — ein Client mit höherer Latenz kommt bei fleißigen Mitschreibern womöglich nie durch, weil jeder Versuch beim Eintreffen wieder veraltet ist. Genau deshalb hat CodeMirror sein `rebaseUpdates` nachgerüstet. Nebengewinn: Der Client braucht seine Rebase-Logik nur noch für echte Konflikte. - **409 Conflict**: nur bei **echter Überlappung**. Antwort enthält alles, was der Client zum Weiterarbeiten braucht — ohne Neuladen: ```json { "currentVersion": 43, "opsSinceBase": [ ...Diff von baseVersion → currentVersion... ] } ``` Der Client zeigt dann zwei Knöpfe: **fremde Fassung übernehmen** oder **eigene durchsetzen** — jeweils nur für die überlappenden Zeilen, alles übrige ist bereits rebased. An dieser Stelle gewinnt einer vollständig, aber nichts geht endgültig verloren: Jede Version steht in der Historie. - **404**: Dokument gelöscht (Restore-Hinweis in der Problem-Detail-Antwort). - **422**: Diff nicht anwendbar (Index außerhalb, **Prüfsummenfehler**, Basisversion bereits verdichtet oder aus der Zukunft, veraltete `seq`) — Client lädt einmalig neu. Der verdichtete Fall ist kein Client-Bug, aber das Mittel ist dasselbe; ein geratenes Diff wäre schlechter. **Überlappung, genau definiert.** Der betroffene Bereich einer Op ist `[index, index+count)` für `replace` und `delete`. Für `insert` ist er ein **Punkt** bei `index` — nicht ein leeres Intervall, sonst überschnitte er sich mit nichts und Einfüge-Konflikte blieben unerkannt. Der Punkt liegt **zwischen** den Zeilen und kollidiert nur mit dem **Inneren** eines fremden Bereichs (`start < index < end`). Daraus folgt: - Zwei Einfügungen an derselben Stelle sind **kein** Konflikt. Beide Zeilen bleiben; die bereits bestätigte fremde steht oben. - Eine Einfügung in einen Bereich, den ein anderer **löscht**, ist einer — die neue Zeile landete sonst in einem Abschnitt, den es nicht mehr gibt. - An den **Rändern** ist sie dagegen keiner: vor bzw. hinter dem fremden Block ist die Stelle eindeutig. Das ist der häufige Fall — wer eine Zeile über einer gerade geänderten einfügt, bekommt keinen 409. **Titel:** `PATCH /documents/{id}/title` (mit `expectedVersion`) ändert den Titel; er ist ein Metadatum, kein Zeileninhalt. `PUT /documents/{id}` bleibt als „Ganzdokument ersetzen" bestehen (Import, Reparatur) und wertet künftig `expectedVersion` aus. **Grenzen:** Dokumentgröße und Op-Anzahl je Request sind serverseitig begrenzt (sonst ist ein einzelner Request ein Ausfall-Vektor, auch versehentlich durch einen Client-Bug); Überschreitung und ein `delete`/ `replace` ohne `count` sind **400**. Stellschrauben: `werkbaum.live-editing.max-ops` (1000) und `max-content-length` (2 Mio. Zeichen; der mitgelieferte Plan hat ~40 000). ### 2. `GET /documents/{id}/changes?since={version}&wait={seconds}` — Änderungsfeed Long Polling, der Kern der „Echtzeit ohne WebSocket"-Lösung. **Der Feed arbeitet auf der Historie, nicht am Dokument.** `delete()` entfernt das Dokument und lässt nur den Tombstone stehen — ein Feed am Dokument müsste danach 404 liefern, ausgerechnet für das `DELETED`-Ereignis, das er zustellen soll. Solange es Historieneinträge zur UUID gibt, antwortet der Feed also; **404 nur bei gänzlich unbekannter UUID** (dieselbe Regel, die `history()` schon anwendet). Wartende Long-Polls müssen beim Löschen **zugestellt bekommen**, bevor die Warteliste verworfen wird. - Gibt es Änderungen nach `since`: **sofort 200** mit ```json { "fromVersion": 41, "currentVersion": 43, "ops": [ ...kumuliertes Diff 41 → 43... ], "events": [ { "version": 43, "changeType": "UPDATED", "clientId": "c-8a41…", "displayName": "Anna" } ] } ``` - **Ist `since` bereits verdichtet** (siehe „Zwei Ebenen" unten), kann der Server kein exaktes Diff mehr liefern. Dann enthält die Antwort statt `ops` den **Volltext**: ```json { "fromVersion": null, "currentVersion": 87, "content": "…", "events": [ … ] } ``` Der Client ersetzt seinen Stand. Ein Roundtrip und ein Sonderzustand weniger als ein eigener Fehlerpfad — und der Cursor-Erhalt ist über hunderte Versionen hinweg ohnehin nicht zu retten. Deckt zugleich den PWA-Fall nach längerer Offline-Zeit ab. - Sonst hält der Server die Anfrage bis zu `wait` Sekunden offen. Kommt in der Zeit eine Änderung, antwortet er sofort; sonst **204 No Content**, und der Client pollt erneut. Der `wait`-Wert wird **serverseitig geklemmt** — ein Client darf keine beliebig lange Verbindung binden. Die Obergrenze steht erst fest, wenn die Zielumgebung vermessen ist (siehe „Betrieb"). - Die Antwort trägt **`Cache-Control: no-store`**; ein Proxy dürfte sonst eine 204 zwischenspeichern und der Feed stünde still. - Latenz: praktisch sofort. Kosten: **1 offene HTTP-Anfrage pro Beobachter**, ~2,4 Requests/Minute im Leerlauf — rate-limit-freundlich, PWA-tauglich, kein WebSocket nötig. **Änderungstypen im Feed:** `CREATED`, `UPDATED`, `DELETED`, `RESTORED`, `ROLLED_BACK` — und später `RENAMED` (mit dem neuen Titel im Klartext), sobald es `PATCH /title` gibt; solange das fehlt, wäre der Typ eine Zusage ohne Deckung. - **`RESTORED` heißt ausschließlich: ein gelöschtes Dokument ist wieder da** — der Client hebt seine Sperre auf. - **`ROLLED_BACK`** ist der Rückfall eines *lebenden* Dokuments auf eine alte Version (`restore` mit `targetVersion`). Für den Client ist das ein gewöhnlicher Inhaltswechsel; er hatte nie eine Sperre. Bisher trugen beide Fälle denselben Typ — ein Typ, der zwei Dinge bedeutet, ist die Unschärfe, aus der später Fehler werden. Client-Schleife eines Beobachters: ``` loop: antwort = GET /changes?since=meineVersion&wait=25 wenn 200 mit ops: ops lokal anwenden, meineVersion = currentVersion wenn 200 mit content: Stand ersetzen, meineVersion = currentVersion wenn 204: weiter ``` **Wichtig für den Client:** Eine gepufferte Feed-Antwort darf **nur** angewendet werden, wenn ihr `fromVersion` zur aktuellen Schattenkopie passt. Sonst wendet er dieselben Ops doppelt an — der Fall tritt ein, wenn Feed und 409-Antwort beide dasselbe fremde Diff liefern. ### Warum Long Polling und nicht SSE? Server-Sent Events wären die Alternative (eine dauerhafte Verbindung, Push vom Server). Long Polling gewinnt hier, weil es (a) reines Request/Response-HTTP ist — testbar mit unseren Cucumber-Tests, (b) keinerlei Sonderbehandlung in Proxies/PWA-Service-Workern braucht und (c) bei 10 Beobachtern der Effizienzunterschied irrelevant ist. Ein späterer Umstieg auf SSE oder WebSocket ändert nur den Feed-Endpunkt; Diff-Format und Konfliktlogik bleiben identisch. ## Serverseitige Umsetzung - **Diff anwenden**: Snapshot der Basisversion laden (bzw. aktueller Stand, wenn `baseVersion == currentVersion`, der Normalfall), Prüfsumme vergleichen, Ops anwenden, als neue Version speichern. - **Diff berechnen** (für 409-Antwort und Feed): Zeilen-Diff zwischen zwei Snapshots (Myers oder eine einfache LCS-Implementierung). - **Rebase** (siehe PATCH): Ops einer veralteten Basis gegen die zwischenzeitlichen verschieben, sofern sie sich nicht überschneiden. - **Long Polling**: ein In-Process-Notifier (Stempel je Dokument; Zustellung bei akzeptiertem Update **und** beim Löschen) — die Anfrage **blockiert** ihren Thread, und der ist ein **virtueller** (`spring.threads.virtual`). Kein `DeferredResult`, kein zusätzliches Framework: Der Endpunkt behält damit die synchrone Signatur, die die OpenAPI-Generierung erzeugt, und API-First bleibt für ihn unangetastet (Begründung: D76-Nachtrag 5). Geweckt wird **nach dem Commit**, nie davor. **Das setzt eine Einzelinstanz voraus** — hinter einem Load Balancer erführe ein Beobachter auf der zweiten Instanz nichts und liefe in den Timeout. Bewusste Annahme, für die genannte Last angemessen. - **Serialisierung**: Updates pro Dokument strikt sequenziell (Locking pro Dokument-UUID), damit Prüfung, Rebase und Anwenden atomar sind. ### Historie in zwei Ebenen Ohne Trennung wird die Historie zum Transaktionslog: hunderte Volltext-Snapshots eines 50-kB-Dokuments je Sitzung — bei 0,6 s Debounce (D79) bis zu 100 je Minute Tippen. Getrennt werden deshalb: - **Sync-Versionen** — tragen das Protokoll (Diffs zwischen beliebigen Versionen), kurzlebig, werden nach einer Weile verdichtet. Danach beantwortet der Feed betroffene `since`-Werte mit Volltext (oben). - **Meilensteine** — die nutzersichtbare Historie. Sie entstehen **nach einer Schreibpause und auf Knopfdruck**; dasselbe Muster wie die „Früheren Stände" im Editor (D54), erprobt und den Nutzern vertraut. `DocumentHistoryRepository` braucht dafür **gezielten Zugriff auf eine einzelne Version** statt wie heute stets alle Einträge zu laden (`findByDocumentId` liefert alles, `restore`/`history` filtern in Kotlin darüber — bei hunderten Versionen je Dokument untragbar). ## Betrieb — Zielumgebung vermessen (2026-08-26) Gemessen auf `mih00.hostsharing.net`, wo die stabile Instanz `werkbaum.javagil.de` liegt (D43): | Befund | Wert | Bedeutung für Long Polling | |---|---|---| | Apache | 2.4.68 (Debian 12) | — | | MPM | **event** | Kein Prozess je Verbindung; die Sorge aus dem ersten Entwurf entfällt | | MaxRequestWorkers | **1024** (ServerLimit 64 × 32) | 10 offene Polls sind unkritisch | | `Timeout` | **300 s** | `wait=25` liegt weit darunter | | `ProxyTimeout` | nicht gesetzt → 300 s | dito | | mod_proxy_http, mod_rewrite | geladen | Reverse Proxy technisch möglich | | `RewriteRule … [P]` in `.htaccess` | **erlaubt** (gemessen) | So kommt der Request zum Backend | | Long-Poll durch Apache | **30 s gehalten** (gemessen) | `wait=25` trägt dort nachweislich | | HTTP/2 | **nicht angeboten** | siehe unten | | Java | **nur 17** | Backend verlangt 21 | | systemd `Linger` | **yes** | Ein eigener Dienst darf dauerhaft laufen | | PostgreSQL | lauscht auf 5432 | Der in `application.yaml` angedachte Umstieg wäre möglich | | Speicher | 3,9 GB im Host, davon ~300 MB frei | `-Xmx` ist Pflicht, siehe unten | | Webspace-Grenze | `MemoryMax=3147M` (cgroup) | Erlaubnis, keine Reservierung | **Long Polling trägt dort.** Die Zeitgrenzen sind großzügig, und der Worker-Pool ist groß genug. **Pufferung ist bei Long Polling ohnehin kein Thema** — anders als bei SSE kommt genau eine Antwort am Ende des Wartens, kein Strom von Teilstücken. **Der Speicher ist die knappe Größe, nicht die Verbindungen.** Der Host hat 3,9 GB und ist überbucht (`Committed_AS` 12,0 GB gegen `CommitLimit` 5,9 GB); frei sind rund 300 MB, ein weiteres GB liegt bereits im Swap. Unser Webspace darf laut cgroup 3147 MB nehmen — das ist aber eine Erlaubnis, kein reservierter Speicher. Die JVM braucht deshalb ein ausdrückliches `-Xmx`, bemessen am tatsächlich Freien: Ihre Voreinstellung von ¼ des physischen RAM (≈ 980 MB) ist genau die Größenordnung, die auf diesem Host schon MariaDBs Puffer in den Swap gedrängt hat. Zahlen und Herleitung: D76-Nachtrag 3. **Der einzige echte Einwand ist das fehlende HTTP/2.** Damit gilt im Browser das Limit von sechs Verbindungen je Herkunft. Ein Long-Poll belegt eine davon; hat jemand denselben Plan in drei Tabs offen, sind drei Verbindungen dauerhaft gebunden und die übrigen Requests drängen sich in den Rest. Zu beheben wäre es serverseitig (HTTP/2 aktivieren) oder clientseitig, indem sich mehrere Tabs über einen SharedWorker **eine** Feed-Verbindung teilen. **Der Weg zum Backend steht: `RewriteRule … [P]` in der `.htaccess`.** `ProxyPass` ist dort nicht zulässig und `~/doms//etc/` ist leer — aber das P-Flag von mod_rewrite ist auf diesem Server **erlaubt**, was manche Hoster sperren. Am 26.08.2026 mit einer temporären Regel und einem lokalen Testprozess gemessen (danach vollständig zurückgebaut): ``` RewriteEngine On RewriteRule ^api/(.*)$ http://127.0.0.1:/api/$1 [P,L] ``` - sofortige Antwort: **HTTP 200 nach 0,13 s** - absichtlich verzögerte Antwort: **HTTP 200 nach 30,1 s** — Apache hält die Verbindung also durch und puffert nichts weg. Damit ist Long Polling mit `wait=25` auf dieser Umgebung nicht nur rechnerisch, sondern **gemessen** tragfähig. Zu beachten: `scripts/deploy-prod.sh` spiegelt die `.htaccess` mit `rsync --delete` aus `scripts/prod.htaccess`. Die Proxy-Regel gehört deshalb **dorthin**, sonst ist sie nach dem nächsten Deploy weg. **Offen bleibt Java:** installiert ist 17, `build.gradle.kts` verlangt `JavaLanguageVersion.of(21)`. Entschieden ist, ein eigenes **JDK 21 ins Home** zu legen (kein Root nötig, `Linger=yes` erlaubt den dauerhaften Dienst) statt die Toolchain zu senken — Entwicklung und Produktion laufen dann auf derselben Version. Ein natives Binary via GraalVM wäre der elegantere Weg (kein Java auf dem Server, ein Bruchteil des knappen RAM), scheitert aber vorerst an dreierlei: der glibc-Differenz zwischen Ubuntu 24.04 (2.39) und Debian 12 (2.36), die einen Container-Build erzwingt; dem Umstand, dass Liquibase Metadaten aus einem Native-Agent-Lauf braucht und Hibernate das Enhancement-Plugin; und einem offenen Fehler in Spring Boot 4, der genau die Kombination JPA + Liquibase im Native-Image-Build zerlegt. Vorgemerkt, nicht verworfen. ## Grenzen der simplen Variante (bewusst akzeptiert) - Konflikterkennung auf **Dokumentebene** mit serverseitigem Rebase: Zwei Editoren an verschiedenen Stellen stören einander nicht mehr; ein 409 gibt es nur bei echter Überlappung derselben Zeilen. - Kein Präsenz-Feature (wer ist online, fremde Cursor). Später über ein leichtgewichtiges `presence`-Feld im Feed nachrüstbar — `clientId` und Anzeigename gibt es dafür schon; das `!!!`-Fokusmark des Formats kann ergänzend genutzt werden. - Clientseitige Verschlüsselung: Das Protokoll transportiert Zeilen als opake Strings und funktioniert unverändert mit Ciphertext pro Zeile — nur das serverseitige Diff-Berechnen und Rebasen entfiele dann (Clients müssten Ops immer selbst liefern; die Struktur erlaubt das bereits). ## Teststrategie - **Cucumber**: „Client B sieht die Änderung von Client A im Feed", „veraltete Basis ohne Überlappung wird serverseitig rebased und akzeptiert", „veraltete Basis mit Überlappung liefert 409 mit opsSinceBase", „derselbe PATCH zweimal gesendet ändert das Dokument nur einmal", „falsche Prüfsumme liefert 422", „Feed meldet DELETED und danach RESTORED", „zu altes since liefert Volltext", „Umbenennen erscheint als RENAMED". Long Polling braucht dafür **Nebenläufigkeit im Test** und einen klein konfigurierbaren `wait`-Wert (in den Tests 5 s). Umgesetzt als Hintergrund-Abruf per `CompletableFuture`; das Szenario misst zusätzlich die **Dauer** — ohne das bestünde es auch dann, wenn der Wartende gar nicht geweckt würde, sondern bloß in den Timeout liefe und danach die Änderung vorfände. - **Unit-Tests**: Diff-Anwendung (alle drei Ops, Randfälle: leeres Dokument, Anhängen, letzte Zeile), Diff-Berechnung, Index-Verschiebung, die Überlappungsregeln für `insert` (untereinander verträglich, mit `delete` nicht), Prüfsummenbildung samt Zeilenenden-Normalisierung. ## Umsetzungsreihenfolge 1. ~~Diff-Modell + Anwenden/Berechnen/Rebasen als reine Kotlin-Funktionen (Unit-Tests)~~ — gebaut, `de.werkbaum.diff` 2. ~~Historie in zwei Ebenen + gezielter Repository-Zugriff~~ — gebaut 3. ~~`PATCH /content` inkl. Rebase, Idempotenz, Prüfsumme und 409 (Spec + Cucumber)~~ — gebaut, `LiveEditingService` 4. ~~`GET /changes` mit Long Polling, Volltext-Fall und Ereignistypen (Spec + Cucumber)~~ — gebaut, `ChangeNotifier` + `LiveEditingService` 5. ~~Master-Passwort für `GET /documents` (Spring Security)~~ — gebaut 6. ~~Client-Anpassung (Feed-Schleife, lokales Anwenden, Konfliktdialog)~~ — gebaut, `frontend/src/live.js` + `app.js`; Befunde in D76-Nachtrag 7 **Vor Schritt 4** steht die Vermessung der Zielumgebung (siehe „Betrieb") — sie bestimmt den `wait`-Wert und im Extremfall, ob Long Polling dort überhaupt trägt.